Michael hatte das Glück, ein Auslandssemester in San Sebastián im Norden Spaniens verbringen zu dürfen. An der kleinen Universität „DEUSTO“ studierte er gemeinsam mit ca. 100 anderen Erasmus-Studenten von September 2006 bis Februar 2007 ein Semester VWL. Er lernte eine fremde und spannende Kultur kennen und tauchte ein in das südländische Flair.
Das kleine Städtchen San Sebastián liegt im Nord-Westen Spaniens, im Baskenland. Die Küste ist wunderschön, weiß und fein rieselt der Sand zwischen den Fingern hindurch und ein kräftiger Wind bläst einem die salzige Atlantikluft entgegen. Nicht ohne Grund ist die Stadt auch als Surferparadies bekannt. Die Straßen laden zu einem nachmittäglichen Stadtbummel ein, aber einfach wird dies nicht, denn die Siestazeiten werden auch hier immer eingehalten und so sind am Nachmittag alle Läden geschlossen. Der kleine Spaziergang muss wohl eher am frühen Abend gemacht werden, so wie sich das gesamte Leben in Spanien eher auf die späteren Stunden verschiebt. Ganz getreu dem Bild der feiernden, fröhlichen und lebenslustigen, spanischen Gesellschaft.
Auch Michael brauchte anfangs seine Zeit, sich an diesen fremden Lebensrhythmus, so ganz anders als in Deutschland, zu gewöhnen. Das neue Zeitgefühl, das sich ihm bei seinem Aufenthalt in Spanien unweigerlich aufdrängte, wurde aber auch für ihn bald zur Normalität: „Ich habe gelernt, die Dinge ein bisschen ruhiger anzugehen.“ Die späten Mahlzeiten und auch die Einstellungen zu festen Abmachungen, die meist nicht eingehalten werden, gehören in diesem Land ganz einfach dazu. So erlebte er es einmal selbst: ein Internetanschluss sollte gelegt werden und die Techniker kündigten an, in der nächsten Woche Montag zu kommen. Dem war nicht so, sie ließen sich Zeit und erschienen erst in der darauf folgenden Woche an irgendeinem Tag zu einer unmöglichen Zeit. Solche Erlebnisse sind in Spanien keine Ausnahme, das musste auch Michael erst einmal lernen. Es lohnt sich in Spanien einfach nicht, für diese „Kleinigkeiten“ viel Energie zu verschwenden. Auch die baulichen Strukturen lassen oft zu wünschen übrig. So ist es nicht verwunderlich, wenn Heizungen im Winter nicht funktionieren und Sicherungen andauernd ausfallen: „Die Basken denken sie wohnen in Spanien und brauchen keine Heizung, obwohl es fast genauso kalt wird wie in Deutschland.“ So hatte der 25 jährige einen sehr kalten Winter, nur mit einer stinkenden und rauchenden Heizung zu überstehen.
Nachdem er sich an den neuen Rhythmus und die fremden Umstände schnell gewöhnt und diese auch schätzen gelernt hatte, hatte Michael neben den kleinen Heizungsausfällen eine Menge tolle Erlebnisse. „Ein Highlight ist sicherlich, so viele verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Ländern kennen zu lernen und zu merken, dass die Nationalität eigentlich überhaupt keine Rolle spielt.“ So fand er unter den zahlreichen Erasmus-Studenten viele gute Freunde mit denen er heute noch Kontakt hat. Für ihn war bald klar, es kommt nicht darauf an, aus welchem Land man stammt, sondern ob man sich versteht. „In dem halben Jahr in Spanien habe ich so viele gute Freunde gefunden!“ Der einzige Unterschied den er feststellen konnte, war die Sprache. Anfänglich hatte er noch seine Probleme sich zu verständigen, der Kurs im Sprachlehrzentrum von Göttingen hatte leider nicht allzu große Wirkung gezeigt und so musste er anfangs noch um Worte ringen: „Meine Grundkenntnisse reichten bei weitem nicht aus, um in Spanien richtig zu sprechen.“ Spanien ist leider auch nicht sehr bekannt für die Mehrsprachigkeit seiner Einwohner, so kommt man mit Englisch meist nicht weit und einige Vorkenntnisse des Spanischen sind bei einem Auslandssemester unerlässlich. Da sich Michael seine Wohnung mit einem Deutschen und einem Niederländer teilte, blieb das Spanisch allerdings etwas auf der Strecke. Dafür konnte er aber sein Englisch umso mehr trainieren, was nur leider nicht Sinn und Zweck des Aufenthaltes war. „Um Spanisch zu lernen wäre eine WG zusammen mit einem Südamerikaner oder Mexikaner das beste gewesen.“
Organisiert wurde ihm sein Zimmer von seiner Universität, die den Erasmus-Studenten diese Hilfe anbietet. Auch sonst hatte Michael keine Probleme und mit Erasmus und nur sehr wenige bürokratische Hürden zu überwinden. Das Einzige, was am besten vor der Anreise geregelt werden sollte, ist eine gute Wohnung. Es ist zwar praktisch und unkompliziert, ein Zimmer der Uni zu nehmen, aber man lebt nicht mit gebürtigen Spaniern unter einem Dach und die Verhältnisse der Wohnungen lassen manchmal auch zu Wünschen übrig.
In der Zeit, in der sich Michael in San Sebastián befand, war auch der Anschlag auf das Parkhaus in Madrid, organisiert von der ETA. Der Warnanruf an die Polizei ging angeblich auch von einer Telefonzelle der kleinen Stadt aus. Normalerweise berühren einen als normaler Zivilist, noch dazu als Erasmus-Student, diese aggressiven Kampfaktionen der Euskadi Ta Askatasuna (baskisch für das Baskenland und dessen Freiheit) nicht besonders. Aber in dieser Zeit fanden verstärkt Demonstrationen zur Freilassung der Gefangenen statt und die Atmosphäre erhitzte sich wieder aufs Neue. Einige Busse wurden auch in San Sebastián angezündet, aber die Menschen durften glücklicherweise immer vorher den Bus verlassen. So erlebte Michael eine doch sehr turbulente Zeit der Politik, aber es war nie so, dass wirklich Gefahr bestanden hätte. Die Basken sind ein eher zurückhaltendes Völkchen, anders als im restlichen Spanien: „Die Menschen sind eher verschlossen, nicht so offen, aber nicht im negativen Sinne gesehen.“ So ist es auch in der Politik, es wird öffentlich nicht darüber gesprochen und die Menschen haben sehr extreme und unterschiedliche Meinungen. „Aber als Ausländer kann man da sowieso nicht mitreden,“ und dies sollte man auch besser nicht probieren, da sich die Leute eher angegriffen fühlen und am Ende noch einen Streit vom Zaun brechen.
Eine tolle Zeit im Land der Leidenschaft wird jeder verbringen und ein Jahr Erasmus ist inzwischen schon berüchtigt für Partys, gute Laune und viele neue Freunde aus allen Ländern der Welt. Also, nichts wie los und hinein in das bunte Leben der Südländer!