Die Medizinstudentin Ursula (23) tauschte ein Jahr lang den Alltag der deutschen Uni gegen das lustige Erasmusleben ein.
Wer Erasmus und Spanien hört, denkt meistens sofort an den Film L’auberge espagnole, an chaotische Planungen, feucht-fröhliches WG-Leben, amouröse Abenteuer und möglichst wenig Studium. Ursula zog es statt nach Barcelona an die Universität in Málaga, was der vergnüglichen Welt des Auslandssemesters jedoch keinerlei Abbruch tat.
Die Planungen für einen Auslandsaufenthalt dagegen seien – wie wahrscheinlich überall – eher weniger vergnüglich gewesen und hätten sich über mehrere Monate hingezogen. Von den ersten, noch hoch bejubelten Papieren, die das Zeichen dafür waren, dass es tatsächlich in die weite Welt hinaus gehen würde, über die Absprache aller nötigen Sonderregelungen zu Praktika, Teilprüfungen und Übungskursen, bis hin zur Einschreibung in der Austauschuniversität ist es ein „langer Weg, den man nicht unterschätzen sollte“. Gerade für Medizinstudenten sei es dabei nicht immer einfach, das Gleichgewicht zwischen einem Jahr voller Stress und einem Jahr voller Spaß zu halten - zwischen Bloß-kein-Semester-verlieren und Bloß-keine-Party-verpassen. Wird dieser Balanceakt jedoch erst einmal organisatorisch durchgeplant, ist, wie Ursulas Beispiel demonstriert, letztlich auch beides möglich: ein tolles Jahr und dennoch bestandene Prüfungen!
Der nächste Gedanke der Nestflüchtigen sollte der Wohnungssuche gelten. Ursula fand bereits im Vorfeld ein Zimmer in einer WG. „Andere haben sich aber auch erst einmal in einem Hostel eingenistet und dann vor Ort gesucht. Beides funktioniert.“ Überlegen solle man sich allerdings vorher, was man genau möchte. In einer spanischen WG lerne sich die Sprache natürlich schneller und durch den Kontakt mit Spaniern würde man Erfahrungen mit dem „echten“ spanischen Studentenleben machen und auch zu Insidertipps außerhalb der Tourismus- und Erasmuswege kommen. Allerdings seien in Málaga die meisten spanischen WGs universitätsnah gelegen, was wiederum bedeutet, dass sie relativ weit vom Zentrum entfernt sind. Diese Distanz sei durchaus auch im übertragenen Sinne zu verstehen: „Viele spanische Studenten lernen viel und gehen eher selten aus. Das heißt auf keinen Fall, dass sie nicht sympathisch sind, aber man sollte keine übertriebenen Erwartungen hegen an die spanische Geselligkeit“, sagt Ursula. Schließlich bedeute für die spanischen Studenten das Leben in Málaga ganz gewöhnlicher Alltag – und keine verrückte Erasmuswelt. Also doch eine bunt gemischte WG à la L’auberge espagnole? Ausgehen, Wochenendausflüge und sonstige Spaß versprechenden Unternehmungen inklusive. „Ein Erasmusleben ist dann allerdings außerhalb des spanischen Lebens vorprogrammiert und der Kontakt mit Spaniern wird sich größtenteils auf die Uni beschränken…“ Auch hier fand Ursula wiederum einen Mittelweg: eine große WG, in der sowohl Spanier als auch Ausländer zusammenkamen und miteinander feierten, kochten und ja, ab und zu auch lernten.
Für Erasmusstudenten sehr zu empfehlen sei der Spanischintensivkurs, der dem Semester vorangeht und vier Wochen dauert. „Es bringt viel, wenn man bereits einen Monat vorher im Land ist, jeden Tag vier Stunden spanisch lernt, bevor der richtige Unterricht an der Uni losgeht. Man knüpft auch schon die ersten Erasmuskontakte, lernt sich kennen und unternimmt erste Ausflüge in die Umgebung.“ Überhaupt haben die Wochenendausflüge Ursula sehr begeistert. Von Málaga aus konnte sie in der direkten Umgebung in der einen Richtung Marbella und die Betonwüsten des Massentourismus bewundern, in der anderen Richtung („wesentlich reizvoller!“) ging es nach Nerja. Im Hinterland Málagas bot der Naturpark Montes de Málaga wunderschöne Ausblicke auf die Küste, Richtung Antequera gab es beim Naturpark El Torcal bizarre Felsformationen zu bestaunen. Für die meisten der Unternehmungen jedoch, abgesehen von Nerja, benötige man ein Auto, was am Flughafen am billigsten zu mieten sei. „In Andalusien locken noch Cordoba, Granada, Sevilla, aber auf jeden Fall auch Ronda, Cádiz, Tarifa, Gibraltar und der Naturpark Cabo de Gata an der östlichsten Spitze der Südküste!“ Zusammen mit der Atlantikküste gehöre dieser zu den schönsten Küstenbereichen und sei, ebenso wie eine Tour entlang der Atlantikküste von Tarifa nach Cádiz, eine Reise wert.
„Aber auch in Málaga selbst können die Erasmusstudenten ihren Auslandsaufenthalt nach Herzenslust genießen. Ein Semesterticket für die Mobilität gibt es für monatlich zwanzig Euro, Busse fahren regelmäßig (auch nachts) von einigen Stadtteilen, leider nicht von der Universität, ins Zentrum und umgekehrt“, erzählt Ursula. Neben dem Strandleben, das natürlich eine große Rolle spielt, veranstalten die Erasmusstudenten Partys, die „durch Mund-zu-Mund-Propaganda unendliche Größen annehmen und um drei Uhr nachts zumeist von der Polizei beendet werden.“ Die spanischen Studentenbars seien am besten ausfindig zu machen, indem man sich an eine spanische Studentengruppe anhängt – ansonsten würde man doch leicht wieder in den typischen Erasmuskneipen oder -discos landen. Und einen Tipp für Frauen hat Ursula auch noch: „Wenn ihr spanische Tunos, Mitglieder der spanischen Studentenband Tuna, die jede Fakultät besitzt, kennen lernt, lasst euch eine Ronda, ein Zusatzkonzert nur für Frauen, mit ihnen nicht entgehen! A propos Frauen: Shoppen kann man in den vielen kleinen Geschäften wie auch in den großen Einkaufszentren sehr gut.“ Bezahlt werden können die spanischen Schätze, indem man sich zum Beispiel, wie Ursula, bei der größten Bank in Málaga, Unicaja, ein Konto anlegt. „Das hat den Vorteil, dass man an jeder Ecke Geld abheben kann, ohne zu zahlen.“ Und das Studium? Ach ja, da war doch noch was…"
Von Ines Schipperges